Alle Artikel mit dem Schlagwort: Hamburg

Die Befreiung der Kunst

Obwohl Mark Rothko (1903-1970) Zeit seines Lebens bestritt, abstrakter Künstler zu sein, wird er als einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus verehrt. Umso erstaunlicher ist es, dass es zwanzig Jahre dauerte, bis ihm in Deutschland wieder eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Hypo-Kunsthalle in München hat in einer großartigen Ausstellung die wichtigsten Arbeiten des Malers zusammengetragen und beleuchtet seinen Werdegang. Schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Abgesang der Klassischen Moderne, obwohl sie gerade in voller Blüte stand. Paris war zwar noch Welthauptstadt der Kunst, aber die russischen Avangardisten drangen mit aller Macht an die Öffentlichkeit und im Westen begann der unaufhaltsame Aufstieg einer neuen Weltmacht. Diese Entwicklung wurde durch den zweiten Weltkrieg noch verschärft. Nach 1945, als die Europäer mit dem Wiederaufbau beschäftigt waren, schwang sich New York dann endgültig zur neuen Kunstmetropole auf. Angeführt von amerikanischen Künstlern wie Jackson Pollock, Barnett Newman und Clyfford Still begann eine neue Kunstbewegung ihren Siegeszug. Auch Immigranten wie der Niederländer Willem de Kooning und der Armenier Arshile Gorky verhalfen der neuen Kunst zum Durchbruch. …

Besuch in den Deichtorhallen

Nicht dass sich ein Besuch in den Hamburger deichtorhallen nicht grundsätzlich immer lohnt, aber momentan lohnt er sich einfach ganz besonders, weil es drei wirklich tolle Ausstellungen gibt. Da ist die Ausstellung „Amercian Beauties – Amerikanische Lebenswelten in der Fotografie“. Sieben verschiedene amerikanische Lebenswelten und künstlerische Positionen werden in der Ausstellung vorgestellt. Karl Struss zeigt Stadtansichten New Yorks vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Den großstädtischen Zeitgeist der 20er Jahre lässt Lisette Model in ihren Porträts auferstehen. Mit den Arbeiten von David Hockney und Larry Clark werden zwei ganz unterschiedliche künstlerische Lebenswelten gegenüber gestellt. Das von Langeweile, Drogenkonsum und Sex dominierte Leben einer Clique in einer amerikanischen Kleinstadt Ende der 60er Jahre thematisiert Larry Clark. David Hockney hingegen zeigt seine unmittelbare Umgebung und ästhetischen Einflüsse im Kalifornien der 70er Jahre, die die Leichtigkeit und Lebensfreude der Westküste spüren lassen. Wim Wenders wiederum zeigt ein Amerika, wie es Edward Hopper nicht besser hätte malen können: Einsame Straßen, Diners mit dem Flair der 50er Jahre, die Weite des Westens. Nan Goldin holt uns mit der Bildserie über ein …

Ganz haarige Geschichten

Warum sollte man eigentlich eine Ausstellung zum Thema „Haare“ besuchen, das habe ich mich gefragt, als ich von der Ausstellung „Haare – Fotografien von Herlinde Koelbl“ im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg las. Das kann nur langweilig sein, auch wenn Herlinde Koelbl eine ausgezeichnete Fotografin ist. Ich habe mich geirrt, das Thema ist überaus interessant und das liegt nicht nur an der Fotografin. Haare, Herlinde Koelbl, 2007 Koelbl ist so etwas wie die Soziologin unter den Fotografen. Mit hingebungsvoller, fast wissenschaftlicher Beobachtungsgabe analysiert sie gesellschaftliche Prozesse, durchleuchtet menschliche Befindlichkeiten und untersucht individuelle und gemeinschaftliche Spielarten menschlichen Lebens. „Das deutsche Wohnzimmer“ (1980) war eine ihrer ersten Arbeiten, die große Beachtung fanden. 2002 dringt sie sogar bis ins Allerheiligste vor. In „Schlafzimmer“ fotografiert sie 250 Menschen in ihren Schlafzimmern und reisst dabei den Porträtierten auch die Maske vom Gesicht. Mit dem Buch „Männer“ gelang ihr dann ein weiteres wichtiges Werk. Als erste Frau widmete sie sich dem Thema „männlicher Akt“. Jahre später fotografierte sie dann „Starke Frauen“ (1996). Ihr wohl bekanntestes Werk ist die Langzeitstudie …

Da ist der Wurm drin

Wo? Na in den Deichtorhallen in Hamburg. Dort läuft bis zum 24. September 2007 die Ausstellung „Erwin Wurm – Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes“ und besser hätte man den Titel nicht wählen können. Selten hat Kunst so viel Spaß gemacht und zur Erheiterung der Besucher beigetragen. Kein Wunder, Wurms Kunst lädt dazu ein, seine Arbeiten zu entdecken und ihnen mit einem Augenzwinkern zu begegnen. Mit seinen „One Minutes Sculptures“ hat er einen ganz neuen Typus der Skulptur erfunden. Für einen Moment werden Vorgehensweisen ritualisierten menschlichen Handels verschoben oder dekonstruiert. Mit den Mitteln der Übertreibung, der Paradoxie und der Groteske schafft Wurm Situationen, die verwirrend wirken und den Betrachter zwingen, eigene Handlungen zu überdenken und nach Handlungsanweisungen des Künstlers zu agieren. Nachdenklich, staunend oder erheitert steht man vor den Skulpturen. In „Keep a cool head“ soll der Ausstellungsbesucher die Anweisung wörtlich nehmen und den Kopf in einen Kühlschrank stecken. Nicht etwa durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Seitenwand. Wurms neuestes Projekt hat er eigens für die …

Farbgestöber auf der Leinwand

In der Presseerklärung der Hamburger Kunsthalle heißt es: Wie nur wenige prägt Daniel Richter seit den neunziger Jahren die Malerei in Deutschland. Die Hamburger Kunsthalle zeigt ab dem 4. Mai 2007 eine große, retrospektiv angelegte Ausstellung über das Werk des 1962 geborenen Künstlers. Man könnte meinen, Richter gehe auf die Siebzig zu, die neunziger Jahre seien schon ewig vorbei und er hätte sein Malerleben schon hinter sich. Dabei sind seine Werke in den letzten Jahren kein bisschen schlechter geworden – im Gegenteil, sie strotzen nur so vor Erzählkraft und malerischer Poesie. Daniel Richter, Gedion, 2002, Öl, Lack auf Leinwand, 306 x 339 cm © Saatchi Collection, London, © Foto: Jochen Littkemann/Courtesy Contemporary Fine Arts Anfangs arbeitete Richter abstrakt, malte farbenfrohe Bildwelten mit psychedelischem Einschlag, wahre Farbgemetzel. Ein wildes All-Over aus Farbgekröse. Doch um die Jahrtausendwende begann Richter eine künstlerische Wende. Er vollzog in den letzten Jahren relativ rasch einen Wandel hin zur figurativen Malerei. Anfangs zaghaft lugten einzelne Köpfe aus den Farbnebeln, dann immer aggressiver tauchten ganze Körper auf, um schließlich zum Bild bestimmenden Element …

Marc Lüders

Jetzt wollte ich schon die ganze Zeit Marc Lüders anpreisen und nun macht es die aktuelle Ausgabe der Kunstzeitschrift art. Ich ziehe nach: Der Besuch einer Ausstellung mit Lüders Bildern lohnt sich ungemein. Er ist einer der wenigen Künstler, die es auch in Zeiten medialer Übersättigung noch schaffen, den Betrachter zu einem zweiten und dritten Blick zu zwingen und so etwas wie Erstaunen auszulösen. Lüders ist so etwas wie ein fotografierender Maler (oder malender Fotograf?). Seine Hintergründe sind Fotografien, real existierende Industriebrachen, Landschaften, Randzonen urbanen Lebens, U-Bahn-Schächte und Kirchen. In diese Landschaften malt Lüders meist Menschen, manchmal auch Objekte. Das Großartige an Lüders Werken ist die komplette Verschmelzung von Fotografie und Malerei. Die verschiedenen Ebenen werden zu einer Einheit. Die Personen in den Bildern sind sehr real. Sie wirken seltsam deplaziert, verloren, einsam und oft teilnahmslos, als wären sie im falschen Film. Die Menschen hat Lüders ebenfalls irgendwo in Städten fotografiert und überträgt sie dann malerisch in das neue Bild. Ihre Verlorenheit steigert sich noch durch die Mimik. Ein Lachen sucht man vergeblich. Statt dessen …

Blick gen Osten

Zugegeben, auch mein Wissen um die zeitgenössische, chinesische Kunst könnte größer und breiter angelegt sein, nur wenige namen haben sich mir bisher eingeprägt. Immer noch regieren Europa und die USA den Kunstmarkt, nur wenige lateinamerikanische und afrikanische Künstler haben es bisher in die erste Reihe geschafft. Und bisher war auch der Ferne Osten nur sehr spärlich vertreten. Den meisten Kunstfreunden waren nur wenige große Namen bekannt. Doch mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung der Volksrepublik China scheint auch das Interesse an der Kunst aus dem Land zu wachsen. Plötzlich sind überall Ausstellungen zu chinesischen Künstlern in Galerien und Museen zu sehen. Das mag aber auch daran liegen, das sich das Land in einem ungeheuren Umbruch befindet, was die Kunst die beflügeln scheint. Denn zu den hervorstechenden Themen chinesischer Kunst gehören vor allem der soziale, der gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umbruch den das Land durchlebt. Die größte und interessanteste Ausstellung zeigt die Hamburger Kunsthalle mit „Mahjong“. Zu sehen sind Werke aus der Sammlung Sigg, die mit 1200 Werken die größte ihrer Art ist. Uli Sigg, ehemaliger Schweizer …