Alle Artikel mit dem Schlagwort: 2014

Das Museum als Abenteuerspielplatz

Als das Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean 2006 seine Pforten öffnete, versprach man einen lebendigen Ort für zeitgenössische Kunst. Ein großes Versprechen, denn zeitgenössische Kunst gilt gemeinhin als spröde, schwer verständlich und intellektuell überbefrachtet und die Ausstellungshäuser können nur selten mit großen Namen punkten. Viele Museen für aktuelle Kunst müssen um Besucher kämpfen und oftmals herrscht gähnende Leere. Nicht so im Mudam, das mit einer großen Portion kuratorischem Geschick Entdeckungen ermöglicht und die Besucher immer wieder begeistert. Derzeit zeigt das Museum im Erdgeschoss großformatige Arbeiten des hierzulande weitgehend unbekannten Künstlers Rui Moreira. Seine in kräftigen Farben gehaltenen Gouaches sind inhaltlich wie formal sehr komplex, aber wunderschön anzuschauen und voller kultureller Anspielungen, die es zu enträtseln gilt. Mit oftmals kleinen abstrakten und geometrischen Strukturen schafft der Portugiese riesige Werke auf Papier. Beeinflusst sind seine Bilder von seinen Reisen nach Afrika, Indien oder in den Norden Portugals. Viele Landschaftsbilder erinnern in der Ausführung an japanische Holzschnitte. Im anderen Flügel des Erdgeschosses läuft derzeit die Ausstellung Art & Me. „Kunst & ich“ ist so etwas wie ein Abenteuerspielplatz …

Qualität oder Quantität?

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917“, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten. Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut. Die neue Dauerausstellung zeigt vor …

Schmerzhafte Begegnungen in der Wanne

Wer am Freitag Abend an der Stadtgalerie vorbeikam, erlebte im Innenhof eine gespenstische Szenerie. Eine Frau und ein Mann schleppten wortlos Eimer mit Splitt und kippten ihn in eine Badewanne. Irgendwann bestiegen sie diese und rieben sich und den anderen mit den Steinchen ein. Man sah ihnen immer wieder den Schmerz und die Anstrengungen an. Plötzlich erhoben sich die beiden, gingen zu einer zweiten Wanne und begannen sich zu waschen. Auch hier kam es zu einem Miteinander. Man schrubbte sich gegenseitig, besann sich immer wieder auf sich selbst, tauchte in das Wasser ein und keuchend wieder auf. Irgendwann stieg das Paar aus der Wanne heraus und verschwand. Die Szene entpuppte sich als grandiose Live-Performance der deutsch-türkischen Künstlerin Nezaket Ekici und des Israelis Shahar Marcus und zweifellos ist dies die bisher eindrücklichste Aufführung des Duos. Das eigentliche Medium der Künstler ist ihr Körper mit dem sie in Beziehung zueinander treten, Energien aufbauen und sich entladen lassen und so miteinander kommunizieren. Insbesondere Ekici geht dabei immer wieder sichtbar an ihre Grenzen. Kein Wunder, ist die Deutsch-Türkin doch …

Meisterhaftes Spiel mit der Irritation

Svenja Maaß hat eine Vorliebe für Tiere. Flauschige Schafe bevölkern ihre Bilder, neugierige Erdmännchen, kopulierende Frösche, niedliche Hunde, schläfrige Kängurus und gelangweilte Affen. Hinzu gesellen sich Würste, Wolken, Kerzen, Pilze und was sonst noch zu einer guten Geschichte gehört. Die Hintergründe sind mal geometrisch abstrakt, dann wieder gestisch oder einfarbig und manchmal eine Kombination daraus. Die in Hamburg lebende Bielefelderin erzählt in den Bildern surrealistische Geschichten. Maaß’ Bilder sprühen vor Humor und Witz. Sie bedient sich dabei eines ikonographischen Fundus, der keine Grenzen zu kennen scheint. Meist hat sie vor Beginn der Arbeit nur eine vage Idee, was sie erzählen will und beginnt dann zu malen. Sie komponiert frei, Ideen und Gedankenblitze formen während des Malaktes im Kopf der Malerin eine Geschichte, die sie in den Bildern verewigt. Das Schöne daran ist, wie herrlich zusammenhanglos die Bildelemente wirken. Dem Betrachter wird so keine Geschichte aufgezwungen und er sich die Handlung selbst zusammenspinnen kann. Auch die Titel sind keine große Hilfe, sie verwirren mehr, als sie erklären. Schon länger malt Maaß in ihrem ganz eigenen Stil. …

Spiel der Formen

Gabriela von Habsburg stellt im Haus der Unternehmensverbände in Saarbrücken aus Gabriela von Habsburg ist eine zierliche Person. Müsste man raten, welche Kunst sie begeistert, man würde wohl auf Malerei tippen. Doch weit gefehlt: Wenn die Künstlerin im Atelier steht, dann krempelt sie die Ärmel hoch, nimmt Schweißgerät und Winkelschleifer zur Hand und bearbeitet dicke Stahlplatten. „Von Habsburg“ ist kein zufälliger Künstlername: Sie ist die Enkelin des letzten österreichischen Kaisers und entstammt dem Hause Habsburg-Lothringen. Geboren wurde die Künstlerin in Luxemburg, aufgewachsen ist sie in Bayern. Nach einem Philosophie-Studium lernte sie Ende der 1970er-Jahre an der Akademie der Bildenden Künste in München unter Robert Jacobsen und Eduardo Paolozzi. Von den beiden übernahm sie die Liebe zur Bildhauerei und noch heute erinnern ihre Arbeiten an die Formensprache Jacobsens. Zwischen 2001 und 2009 war von Habsburg Professorin an der Kunstakademie in Tiflis und ist seit 2014 Inhaberin eines Lehrstuhls an der Visual Art and Design School in der georgischen Hauptstadt. Längst ist Tiflis zu einer zweiten Heimat geworden. Wenn sie von Georgien erzählt, gerät sie ins Schwärmen …

Architektur in der Kunst

Es ist ein provokanter Ausstellungstitel. „Schöner Wohnen“ klingt nach Wohnungsdekoration und kein Künstler möchte seine Werke als bloße Dekorationsobjekte missbraucht wissen. Der zweite Teil des Ausstellungstitels, „Architektur in der Kunst“, wird dann deutlicher: Die Ausstellung im Alten Schloss in Dillingen zeigt 26 Werke von sechs Künstlern, die sich in höchst unterschiedlichen Positionen mit Architektur befassen und sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Dabei wird die Architektur zur Projektionsfläche des Künstlers und Innen und Außen verschwimmen. Im ersten Ausstellungsraum präsentiert der Kunstverein drei sehr unterschiedliche Malstile und Sichtweisen auf die Kunst. Sador Weinsclucker malt verlassene Orte: Fabrikgebäude, Lagerräume und urbane Plätze. Nur wenig Licht fällt auf die bedrückenden Szenerien und beleuchtet Spuren menschlicher Existenz. Schwarz und Brauntöne lassen eine düstere Atmosphäre entstehen und erinnern sofort an Rembrandt. Gegenüber hängen die Arbeiten Martin Borowskis, der in kalten Farbtönen Details von Fahrstühlen gemalt hat, diese durch die extreme Nähe aber aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst und in abstrakte Linien- und Flächenkompositionen überführt hat. Anders als Weinsclucker, dessen Bilder tief emotional sind, fokussiert Borowski den Blick auf die …

Große Kunst in kleiner Hochschule

„Großes entsteht immer im Kleinen.“ So jedenfalls heißt der neue Slogan des Saarlandes. Dass man das wörtlich nehmen darf, beweist die Hochschule der Bildenden Künste Saar. Die HBK präsentiert in ihrer aktuellen Ausstellung „Förmlich“ an fünf Orten in Saarbrücken und Völklingen die Abschlussarbeiten ihrer Absolventen. 31 Studierende schließen ihr Studium in diesen Tagen ab, darunter freie Künstler, Produkt- und Kommunikations-Designer und vier Studierende der Fachrichtung Media Art & Design. Das Niveau der im bundesweiten Vergleich eher kleinen Hochschule ist erstaunlich hoch und lässt so manch elitäre bundesdeutsche Kunstakademie alt aussehen. Insbesondere die Werke der Kommunikations-Designer zeugen von der hohen Qualität des Jahrgangs. Das beginnt schon im Foyer des HBK-Hauptgebäudes mit Pascal Elsens wunderbar hintergründiger Arbeit: Der Designer nutzt Schriften als Symbol für die Uniformität der Gesellschaft und stellt die Frage nach Individualität und gesellschaftlichen Normen. Warum verstecken wir uns so gerne hinter Masken, wenn wir Regeln überschreiten? Und sind diese Regeln wirklich immer sinnvoll und unveränderbar? Elsen hat in einer anonymen Umfrage nach geheimen Wünschen jenseits gesellschaftlicher Erwartungen geforscht und diese auf 18 Tische gedruckt. …

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten. Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum …

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit. Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso …

Märchenhafte Illustrationen

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat. Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“.