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Auf der Suche nach der Wand

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Werke von Joan Miró

Der Name Joan Miró garantiert hohe Besucherzahlen und so vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwo in Europa mindestens eine Blockbuster-Schau mit Arbeiten des spanischen Künstlers gezeigt wird. Bei so viel Präsenz ist es schwer, dem Spanier neue Seiten abzugewinnen. Die Schirn Kunsthalle versucht es mit einer Ausstellung, die beweisen soll, dass Miró begeistert war von Wänden und sie breiten Raum in seinem Werk einnehmen. Um es gleich vorwegzunehmen: So ganz gelungen ist das nicht. Dass es sich trotzdem lohnt die Ausstellung anzuschauen, liegt vor allem an der hervorragenden Auswahl an Gemälden und deren Präsentation. Die Kuratoren haben die Ausstellung von jeder chronologischen Hängung befreit und gruppieren sie nach Material, Bildgrund und Motiven. Das ist gar nicht schlecht, weil es einen neuen Blick auf den Spanier ermöglicht.

Am Eingang trifft man auf eines der wenigen gegenständlichen Werke Mirós und hat damit einen ersten Höhepunkt vor sich. Das Frühwerk „Der Bauernhof“ aus den Jahren 1921/22 zeigt den elterlichen Hof im katalanischen Mont-Roig in surrealistischem Stil. Besonderes Augenmerk will die Schirn auf Mirós akribische Darstellung der Wände des Hauses lenken – mit all ihren Unebenheiten, denen Pflänzchen entsprießen und in denen Insekten kauern. Es soll ein erster Hinweis auf Mirós Besessenheit von der Wand sein. Zur Seite gestellt hat man dem Werk eine Auswahl kleiner Arbeiten, die einen Übergang zwischen figurativer und abstrakter Malerei bilden.

Im Übergang zum nächsten Raum dann ein weiterer Höhepunkt: die drei riesigen blauen Leinwände des Triptychons „Bleu I, II, III“. In waberndem Blau setzt der Maler stark reduziert Farben und Formen und bringt sie zum Leuchten. Es sind die wohl eindrücklichsten Arbeiten dieser Ausstellung. Das häufig verwendete Blau soll eine Reminiszenz an die Wände seiner katalanischen Heimat sein, die oft mit blauer Sulfitlauge bespritzt waren.

Um aufzuzeigen, dass Miró begeistert war von der Haptik der Wände, werden dann Arbeiten präsentiert, in denen der Spanier Materialien wie Sandpapier, Kies und Teer mit Ölfarbe mischte, um taktile Oberflächen zu schaffen. Oder er malte auf Sackleinen oder Holzfaserplatten, um den Eindruck von schrundigen Oberflächen zu erzeugen. Den Beweis, dass es Miró hier um das Nachahmen von Wänden ging und nicht um Experimente mit dem Material, bleibt das Museum schuldig.

Wie wichtig Miró allerdings der Hintergrund seiner Werke war, wird schnell deutlich, wenn man sich die Arbeiten genau anschaut und entdeckt, dass der Hintergrund wesentlicher Teil der Bilder ist. Sorgfältig erarbeitete Miró das Grau, Braun oder Weiß um dann pointiert seine Formen darauf zu platzieren, wie etwa in „Malerei (Die Magie der Farbe)“, wo ein roter und ein gelber Kreis über einem kleinen schwarzen Punkt vor grauem Grund zu schweben scheinen.

Natürlich dürfen in der Ausstellung auch nicht die typischen farbenfrohen Leinwände mit den kryptischen Zeichen und Symbole fehlen. Was dies aber nun mit Mirós Faible für Wände zu tun haben soll, erschließt sich ebenfalls nicht ganz. Aber diese Arbeiten müssen wohl in jeder Miró-Ausstellung dabei sein, um das Publikum nicht zu enttäuschen.

Spannend ist der letzte Raum der Schau. Dort hängen sich die beiden Studien für eine Keramikwand im Pariser UNESCO-Hauptquartier gegenüber. Von „Sonnenwand“ und „Mondwand“ (beide um 1957) sind zwar nur Teile erhalten, sie lassen aber erahnen, wie intensiv sich Miró zu jener Zeit mit großformatigen Keramiken und Wandmalerei beschäftigte und versuchte, herkömmliche Ansätze der Bildgestaltung zu überwinden. Die beiden Entwürfe sind erstmals gemeinsam zu sehen. Hier werden die Erwartungen, die mit dem Ausstellungstitel verknüpft sind, endlich erfüllt.

Bis 12. Juni 2016, Joan Miró: Wandbilder, Weltenbilder. Schirn Kunsthalle, Frankfurt

Das Nichtdarstellbare abbilden

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt abstrakte Werke von Gerhard Richter.

Wer Gerhard Richter im Atelier besucht, kann gar nicht fassen, dass der Maler vor wenigen Tagen seinen 84. Geburtstag feierte. Richter steht da vor riesigen Leinwänden, auf die er Farbe aufbringt und dann mit großen Rakeln Farbschicht über Farbschicht über die Leinwand zieht. Ein schweißtreibender Akt, den Künstler in diesem Alter meist nur noch von Assistenten ausführen lassen. Doch Richters Arbeit lässt sich nicht einfach fremdsteuern. In einem „gesteuerten Zufall“ entstehen poetische Werke, die ihr Geheimnis nie ganz preisgeben.

Im Zentrum der Ausstellung in Baden-Baden steht der 2014 entstandene Zyklus „Birkenau“. Es ist eines dieser „Wischbilder“, in denn ein silbrig schimmernder Vorhang aufreißt und den Blick freigibt auf Rot und Lila, darunter ein changierendes Giftgrün, manchmal auch ein fleischfarbenes Rosa. Fotografien, die 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommen wurden, bilden den Ausgangspunkt und die erste Schicht der Gemälde, der überarbeitende Malvorgänge folgten, bis das Grauen dem Blick entzogen wird. Fühlbar bleibt es dennoch.

Immer wieder hat Richter sich der Shoah intensiv gewidmet und mit sich gerungen. Kann man die Verbrechen malerisch darstellen? Mehrfach hat er versucht, sich dem Thema künstlerisch zu nähern. Schon in der Frühphase seines Werkes in den 1960er Jahren, die noch sehr von Fluxus und Pop-Art geprägt war, sammelte Richter im Werkkomplex „Atlas“ ein Panoptikum seines Lebens aus Fotos, Zeitungsausschnitte und Skizzen, die auch den Naziterror aus seiner Kindheit und Jugend bebildern. 2004 erfuhr er, dass seine Tante Marianne, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten war, von seinem späteren Schwiegervater Heinrich Eufinger als „Geisteskranke“ zwangssterilisiert worden war. Beide spielten in Richters Leben und Werk eine bedeutende Rolle, ohne dass er die Familientragödie kannte.

Mehrfach scheiterte er an den eigenen Vorstellungen. Die Vergangenheit trieb ihn aber um und so versuchte er es mit „Birkenau“ erneut. Er selbst gibt zu: „Es hat gedauert, bis ich die richtige Form gefunden habe.“ Wie bedeutend dieses Thema für ihn ist, zeigt der Umgang mit dem vierteiligen Werk. Es ließ ihn nicht los und so setzte er die Bilder auch in gleichgroße Fotografien um und veröffentlichte 93 fotografische Details der Bilder, genauso wie die Ursprungsfotos unter den Farbebenen. So seziert er das eigenen Werk mit formaler Strenge und Blick für das Wesentliche bis ins kleinste Detail.

Diese Methode der Detailbetrachtung ist in Richters Werk nicht neu und sie macht die Betrachtung der Bilder so spannend, denn er fokussiert den Blick des Betrachters auf ihm wichtige Ausschnitte in den Gemälden. Gleichzeitig erfährt man, was den Maler umtreibt. Überraschend ist vor allem, wie die Details aus einem eigentlich abstrakten Werk eine fast schon gegenständliche Bilderlandschaft entstehen lässt. Da meint man dann Wald zu erkennen, Menschen, gar das Konzentrationslager selbst. Dann verliert man die Konzentration kurz und der Farbschleier senkt sich wieder.

Wie wichtig und qualitativ wertvoll Gerhard Richters Bilder aber sind, sieht man, wenn man durch die Ausstellung in Baden-Baden spaziert. Neben abstrakten Arbeiten Richters aus allen Schaffensperioden hängen da auch Meisterwerke von Sol LeWitt, Sigmar Polke, Andy Warhol und den Abstrakten Expressionisten. Diese Gegenüberstellung belegt Richters Rang in der Kunst und auch seine ganz eigenständige Arbeit abseits der Strömungen des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung beweist aber auch, dass man sich auch mit den Mitteln der Abstraktion dem Morden in Auschwitz-Birkenau nähern, das Unbeschreibliche festhalten und das Nichtdarstellbare abbilden kann. Die Werke zeigen das hohe Potential der Abstraktion zur Darstellung von Realität. Die Schau thematisiert aber auch unsere Emotionen, die Formen und Farben jenseits einer Darstellung realer Objekte auslösen können.

Bis 29. Mai 2016, „Gerhard Richter. Birkenau“, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Die Realität in Lichtpunkten

Das Saarlandmuseum zeigt grandiose Werke des Fotorealisten Franz Gertsch

Nur wenigen Künstlern ist es vergönnt, ein Museum mit dem eigenen Namen zu erhalten. Noch viel weniger Künstler schaffen es aber, dessen Eröffnung noch mitzuerleben. Franz Gertsch wurde diese seltene Ehre im Jahr 2002 zuteil. Der Sammler Wilhelm Michel war von Gertschs Werken so fasziniert, dass er beschloss, seine Bilder in einem eigenen Museum öffentlich zugänglich zu machen.

Gertsch hatte Ende der 1960er-Jahre begonnen, fotorealistisch zu malen und wurde schnell zu einem der führenden Protagonisten des Fotorealismus in Europa. Anfangs von Zeitungsbildern, dann von eigenen Fotografien ausgehend, malte er mit äußerster Präzision detaillierte Werke und gab ihnen die Illusion einer fotografischen Abbildung.

Franz Gertsch: Pestwurz, 2013-15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch 2015

Franz Gertsch: Pestwurz, 2013-15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch 2015

Franz Gertsch: Pestwurz, 2013–15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch/Stiftung Saarländischer Kulturbesitz 2015

Foto- und Hyperrealismus drohen abseits der perfekten Umsetzungen des Handwerks schnell langweilig und kitschig zu werden, weil sich viele Maler für die oberflächliche Erfassung von Gesehenem interessieren und dies übersteigert umsetzen. Da bleibt wenig Platz für eine eigene Bildrealität. Bei Gertsch war das nie der Fall. Seinen Werken wohnt eine besondere Magie inne, weil er die realistisch anmutenden Bilder mit seinem ganz persönlichen Blick auflädt. Tritt man nah an die Leinwände heran, so nimmt das Auge die Grundstrukturen des Bildes war, fast glaubt man, vor einem abstrakten Werk zu stehen. Sobald man sich aber von dem Bild wegbewegt, verschmelzen die einzelnen Formen zu einem großen Ganzen.

Ein Jahr und mehr können vergehen, bis Gertsch ein Werk fertiggestellt hat. Ein großes Konvolut konnte so in den 85 Lebensjahren des Malers kaum entstehen. Die Bandbreite der Motive ist ebenso überschaubar. Meist sind es Momentaufnahmen der Natur wie strudelnde Bäche, Gräser und Pflanzen in konzentrierter Nahaufnahme oder Waldwege, gelegentlich auch Porträts und Akte. Akribisch beobachtet Gertsch seine Umwelt und sucht nach einer eigenen Wirklichkeit.

Wie sehr sich der Maler für die Durchdringung des Gesehenen interessiert, zeigen seine Holzschnitte. Sie haben in Gertschs Œuvre einen besonderen Stellenwert. In der Zeit zwischen 1986 und 1994 beschäftigte sich der Künstler ausschließlich mit den Druckgrafiken. Der 1930 geborene Schweizer ließ sich von einem heimischen Schreiner überdimensionale Lindenholzplatten anfertigen, auf die er Diapositive projizierte und dann mit dem Stechbeitel winzige Punkte ausstach. Anschließend wurde Farbe aufgetragen und auf feinem Japanpapier gedruckt. Die Farbe haftete nur dort, wo die Holzoberfläche unangetastet blieb.

Die monochromen Drucke scheinen bei näherem Hinsehen aus vielen feinen Lichtpunkten zu bestehen, die mal dichter zusammen und mal weiter auseinander liegen. So entsteht eine Raumwirkung und die Bilder glimmen sanft im Halbdunkel des Ausstellungsaals. Im Raum herrscht eine fast schon sakrale Atmosphäre, die dem Besucher Muße und Entschleunigung auferlegt und ihn vor den überwältigend großen Formaten ganz klein erscheinen lässt.

Franz Gertsch, bis 14. Februar 2016, Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken

Anti-Malerei aus Licht

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden widmet dem Lichtkünstler Heinz Mack eine Retrospektive

Die Düsseldorfer Künstler Otto Piene und Heinz Mack waren von der Nachkriegskunst enttäuscht. Zu sehr mit psychologischem Ballast aufgeladen schien ihnen die herrschende Malerei des Tachismus und Informel, die das Ich des Künstlers so sehr in den Mittelpunkt rückte. Mack und Piene wollten eine Stunde Null und einen Neuanfang in der Nachkriegskunst. Die beiden gründeten 1958 die Künstlergruppe ZERO, der sich bald auch Guenther Uecker anschloss.

Im Museum Frieder Burda erhält Mack nun eine Einzelausstellung, die das Werk des Licht- und Kinetik-Künstlers in den Fokus rückt. Dabei hatte Mack eigentlich schon als Maler begonnen, von den gestischen Abstraktionen der 1950er-Jahre abzurücken. Seine frühen Bilder nannte er „Dynamische Strukturen“ und ließ mittels Schwarz und Weiß horizontale und vertikale Geraden entstehen. Später folgten Reliefs aus Metallfolien, Plexiglas, Keramik und Aluminium. Um 1960 entstanden die „Rotoren“. Einzelne Elemente mit Reliefstrukturen werden mittels Motoren bewegt und verändern so stets visuelle Struktur und Motiv.

Neben der Bewegung wurde Licht zum zentralen Element in Macks Werk. In seinen Skulpturen und Reliefs macht der Künstler Licht zum Material. Dabei nutzte er nicht das Wechselspiel aus Beleuchtung und Schatten, sondern arbeitete mit unterschiedlichen glänzenden Materialien an der Erscheinung von Licht. Stumpfe Oberflächen wie die Keramiken überzog er mit Gold. Die unterschiedlichen plastischen Strukturen reflektieren das Licht, absorbieren oder zerstreuen es. Häufig nutzte er auf der Oberfläche das gleiche Muster und dreht es mehrmals um 90 Grad. So entstanden gleichartige Strukturen, die das Licht aber ganz unterschiedlich behandeln und überraschend lebendig wirken.

Diese Kunst war nicht nur Anti-Malerei, sie sollte Optimismus verbreiten und Lust auf die Zukunft machen. Bald waren es nicht mehr nur kleine, handliche Formate. Mack zeichnete seine Reliefs in den Sand der Sahara und schuf damit frühe Beispiele der Land Art. Zu seinem Sahara-Projekt gehörten aber auch große Metallobjekte und Spiegel, die das gleißende Sonnenlicht unterschiedlich reflektierten. Das besondere Licht der Wüste, die Kargheit und endlose Weite begeisterten den Künstler und animierten ihn zu futuristischen Experimenten, die nicht zufällig an die Raumfahrt erinnern.

Macks puristische, kalte Ästhetik erregte Aufsehen. Er durfte an der documenta II und III teilnehmen und vertrat Deutschland bei der Biennale di Venezia 1970. Nachdem sich ZERO 1966 auflöste, wurde es still um die Gruppe. Doch seit Mitte der 2000er-Jahre erleben Mack und seine beiden Kollegen eine Wiederentdeckung. 2014 sprach die ganze Kunstwelt über Macks monumentale Goldstelen, die er auf der Insel San Giorgio Maggiore anlässlich der Architektur-Biennale in Venedig installierte. Erst im Oktober 2014 wurde eine ZERO-Ausstellung im New Yorker Guggenheim-Museum gezeigt, die auch in Berlin präsentiert wurde und gerade im Stedelijk Museum in Amsterdam Station macht.

Die Ausstellung in Baden-Baden muss sich vor der mächtigen Konkurrenz nicht verstecken. Kurator Helmut Friedel hat Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers zusammengetragen und zeigt einen wunderbaren Überblick über die Arbeit von Mack. Die Werke passen perfekt in den großartigen Museumsbau von Richard Meier, der selbst eine Skulptur aus Licht und Schatten ist.

Heinz Mack. Licht Schatten, bis 20. September 2015, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Magisch leuchtende Landschaften

Das Saarländische Künstlerhaus zeigt aufregende Bilder von Daniel Enkaoua

Daniel Enkaouas Sujets sind eher banal und altmeisterlich. Er malt Stillleben, Landschaften und Porträts seiner Familie. Nichts davon ist auf den ersten Blick wirklich aufregend. Dass seine Bilder trotzdem sehenswert sind, liegt nicht daran, was er malt, sondern wie er es malt. Kaum ein zeitgenössischer Maler versteht es, so virtuos mit Material, Farbe und Oberfläche umzugehen.

El Penedes. 2010-11 (202cm X 280cm) Oil on canvas

El Penedes. 2010-11 (202cm X 280cm) Oil on canvas

Daniel Enkaoua: El Penedes. 2010/11, 202 cm x 280 cm, Öl auf leinwand, Foto: Daniel Enkaoua

Die Hintergründe von Enkaouas Bildern sind auf den ersten Blick immer grau, offenbaren aber recht schnell ein reiches Farbspektrum, das der Maler sehr subtil einsetzt. Der Künstler trägt die Farbe pastos auf, die Oberfläche wirkt krustig und schrundig. Mit dem Messer glättet er das Material und kratzt die Bildoberfläche wieder auf, sodass die unteren Schichten sichtbar werden. Diesen Vorgang wiederholt er vielfach bis eine Struktur entsteht, die an ein Gewebe oder einen Rauputz erinnert. Oftmals sitzt er jahrelang an einem Bild, malt an mehreren Leinwänden gleichzeitig.

Der Franzose stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie und ist ein tiefgläubiger Mensch, der sogar zwei Jahre jüdische Theologie studiert hat, bevor er ein Kunststudium begann. Man merkt seinen Bildern diese Spiritualität an, aber nie wird das aufdringlich oder gar kitschig. Insbesondere die menschenleeren Landschaftsbilder sind herausragend und von fast religiöser Intensität. Sie scheinen magisch zu leuchten.

Mit einer komplexen Farbgebung, durch Reduktion und Unschärfe sowie ein Spiel mit den Lichtverhältnissen gibt Enkaoua dem Betrachter die Möglichkeit, das Wesen einer Landschaft zu erfassen. Mit Öl oder Verdünnern angereichert, bildet die Farbe glänzende oder matte Oberflächen. So werden auf den Landschaftsbildern aus den glänzenden Flächen Wolkengebilde, ohne dass der Maler sie real darstellt.

Um den Körper der Porträtierten wird der Glanz zu einer Aura, die die Person vom ansonsten matten Hintergrund abhebt. Die Menschen trägt Enkaoua mit kurzen Pinselstrichen und wildem Duktus in leuchtenden Farben auf. Ränder fransen aus, die Formen werden unscharf und Details verschwimmen. Enkaoua verdichtet die Bilder mit seinem Malstil so sehr, dass der Raum um die abgebildeten Personen zum Farbnebel wird und der Fokus ganz auf dem Menschen liegt.

Auch bei den Stillleben sind Atmosphäre und Stimmung wichtiger als die naturgetreue Abbildung. Die Bilder strahlen ungeheure Ruhe aus. Auf den allgegenwärtigen grauen Untergrund legt Enkaoua Frühlingszwiebeln, Salat oder eine Tomate. Die speckig glänzende Farbe trägt er dick auf, sodass das Gemüse fast aus dem Bild herauszuwachsen scheint und „greifbar“ wird.

Daniel Enkaoua: Facing Spaces and Landscapes, bis 6. September 2015, Saarländisches Künstlerhaus

Wenn Graffiti auf Kunst trifft

Hochkarätige Urban Art in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch

Noch immer nehmen viele Vertreter der Hochkultur in Deutschland die Urban Art nicht ganz ernst. Diese Standesdünkel halten sich hartnäckig, auch wenn die Künstler in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich längst etablierte Größen im Kunstbetrieb sind. Für viele Museen sind die Sprayer keine ernstzunehmenden Künstler, sondern den Kinderschuhen entwachsene Vandalen, die nun an das große Geld des Kunstbetriebs wollen. Wie falsch das ist, beweist gerade die tolle Ausstellung „Ambiguity“ in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch. Die Arbeiten der vier ausgestellten Künstler beweisen, welch hohen Qualitätsanspruch die Urban Art vertritt und wie sehr sie inzwischen mit der traditionelle Kunst verschmolzen ist.

Da ist der US-Amerikaner Augustine Kofie, dessen Arbeiten eine wunderbar zeitgemäße Interpretation des Futurismus und Konstruktivismus in einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil sind, der an Gebäudezeichnungen erinnert. Oder der Franzose LXone mit seinen stark geometrisch geprägten Gemälden und Plastiken aus Beton, Plastik oder Pappe. Beiden Künstlern gemeinsam ist als Inspirationsquelle die urbanen Architektur. Auch Remi Roughs neuste Arbeiten können überzeugen. Der Londoner malt mit dem Pinsel gestische Abstraktionen im Stil des Abstrakten Expressionismus und sprüht minimalistische Kompositionen, die an Kandinskys Suprematismus erinnern.

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht, Foto: ©LXone

Ebenfalls in der Ausstellung vertreten ist Poesia, der in San Francisco eine Galerie betreibt und Gründer des bedeutenden Blogs „Graffuturism“ ist. Als einziger in der Schau ist er sehr nah an den Wurzeln der Urban Art geblieben, „verdeckt“ diese jedoch. Meist beginnt er mit einem Buchstaben seines Künstlernamens und trägt dann darüber Farbschicht um Farbschicht auf. So entstehen Werke, die von der besonderen Wirkung sich überlappender Farbbalken geprägt sind. Vom Anfangs-Tag bleibt nur der Titel, der den oder die Buchstaben verrät.

Bis 18. Juli, Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Saarbrücken