Kunst im 20. Jahrhundert, Zeitgenössische Kunst
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Pionier der Performance-Kunst

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle widmet dem Fotografen und Performance-Künstler Ulay eine spannende Retrospektive

Es war einer der ganz wenigen Momente im Künstlerdasein von Marina Abramović, in dem sie ihre Selbstbeherrschung verlor. Die Performance „The Artist is present“ hatte am Abend der Eröffnung ihrer Retrospektive im New Yorker MoMA begonnen. Abramović wollte 90 Tage lag, 7 Stunden pro Tag ohne Unterbrechung stoisch auf einem Stuhl sitzen. Ihr gegenüber durfte Platz nehmen, wer Lust dazu hatte. Stundenlang starrte Abramović an diesem Abend wechselnden Personen aus dem Publikum in die Augen und wirkte dabei wie ein Monolith in der Menschenmenge. Bis zu dem Moment, als sich ein älterer Herr mit langem Haar und Bärtchen setzte. Abramovic schaute aus ihrer Konzentrationsphase auf und erkannte den Mann sofort. Es huschte ein Anflug von Freude und Überraschung über ihr Gesicht, sie rang kurz um Fassung und brach dann in Tränen aus. Als sie sich wieder gefangen hatte, reichten sie einander die Hände.
Es war eines der wenigen Wiedersehen mit Frank Uwe Laysiepen seit der Trennung der beiden vor mehr als 20 Jahren. Laysiepen und Abramović waren in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht nur ein Paar, sie arbeiteten auch miteinander und prägten die Performance-Kunst. Abramović hatte „Ulay“, wie sich Laysiepen nennt, als Ehrengast zur Vernissage eingeladen, aber nicht damit gerechnet, dass er sich beteiligen würde.
Der 1943 in Solingen geborene Ulay ging Ende der 1960er-Jahre als Fotograf nach Amsterdam. Dort begann er, künstlerisch zu arbeiten. Er erkundete Genderfragen in seriellen Polaroids von sich selbst. Die Suche nach der eigenen Identität wurde bald zum Mittelpunkt seiner Arbeit. Sein Medium ist dabei bis heute der eigene Körper. Nachdem Ulay 1976 Abramović und ihrer radikalen Auslegung von Performancekunst begegnet war, erkannte er, dass die Suche nach dem Ich mittels Polaroids nur eingeschränkt möglich war. Die beiden wurden ein Paar und beschlossen, gemeinsam Kunst zu machen. Fünf Jahre lebten sie in einem Lieferwagen und zogen durch die Welt.
Die Zeit prägte Ulay, aber auch seine Lebensgefährtin. Wie viel von Ulay in der gemeinsamen Arbeit steckt, ist nur schwer auszumachen. Schaut man sich aber frühe Arbeiten an, dann wird schnell deutlich, dass das radikale Element in seiner Arbeit nicht neu war. So fotografierte er sich 1972 dabei, wie ihm das Credo der französischen Anarchisten als Tattoo auf den Unterarm gestochen wurde. Anschließen ließ er es mit der Haut ohne Narkose entfernen und rahmte es ein.
Immer wieder gingen Ulay und Abramović an physische und psychische Grenzen. Kunst und Leben waren untrennbar verbunden. Die Beziehungsarbeit wurde öffentlich gelebt. Sie atmeten so lange die Luft des anderen ein, bis sie kollabierten. Sie ohrfeigten sich, schrien sich an und ließen sie sich an den Haaren aneinanderfesseln. Als ihre Beziehung 1988 vor dem Aus stand, beschlossen die beiden Künstler, ihre Trennung mit einem letzten gemeinsamen Akt zu zelebrieren. Sie liefen sich auf der chinesischen Mauer entgegen, trafen sich schließlich nach 90 Tagen und sagten einander Lebwohl.
Während Abramović eine große internationale Karriere machte, wurde es um Ulay stiller. Er zog sich auf die „performative Fotografie“ zurück und arbeitete einige Jahre als Professor für Performance in Karlsruhe. Die Live-Performances wurden seltener, der Zirkus des Kunstmarktes stößt ihn bis heute ab.
Immer wieder sind seine Arbeiten in kleinerem Rahmen gezeigt worden. Nun bietet die Schirn Kunsthalle erstmals einen retrospektiven Überblick über das Schaffen des Fotografen, Video-, Installations- und Performance-Künstlers. Mit über 150 Werken aus beinahe 50 Jahren hat das Haus ein großes Konvolut zusammengetragen, darunter Arbeiten, die erstmals zu sehen sind. Es ist die große Chance, das Werk eines der wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit zu entdecken.

Ulay Life-Sized, bis 8. Januar 2017, Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

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