Kunst im 20. Jahrhundert
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Zusammenprall der Generationen

Alberto Giacometti, La Main, 1947, Privatsammlung Alberto Giacometti Estate, Fondation Alberto et Annette Giacometti und ADAGP Paris, 2016

Die Schirn Kunsthalle lässt Alberto Giacometti und Bruce Nauman aufeinandertreffen. Doch das Experiment kann nicht restlos überzeugen.

Bedeutende Künstler in einer Doppelausstellung zu zeigen, avanciert zu einer neuen Mode in den Kunstmuseen. Kein Wunder, braucht doch der hochtourige Ausstellungsbetrieb immer neue Blockbuster mit großen Namen und außergewöhnlichen Konzepten. Nicht immer funktioniert das aber perfekt, wie die Ausstellung in der Frankfurter Schirn beweist.

Alberto Giacometti (1901–1966) zählt zu den bedeutendsten europäischen Bildhauern der klassischen Moderne. Zweifellos ist er mit seinen dürren Bronzefiguren einer der Wegbereiter zentraler Entwicklungen der Kunst nach 1960. Bruce Nauman, Jahrgang 1941, steht mit seinem vielgestaltigen Werk für die radikalen Umwälzungen der Gegenwartskunst seit 1960 und für einen konzeptuell entgrenzten Begriff von Skulptur und Plastik.

Auch wenn die bildhauerische Arbeit für Giacometti und Nauman eine vorrangige Rolle spielt, sind sie weder hinsichtlich der von ihnen verwendeten Medien und Materialien noch im Sinne eines gemeinsamen Stils miteinander vergleichbar. Gemeinsam ist ihnen nur der Hang zur Reduktion. Aber auch ihre Fragestellungen etwa in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Körper und Raum sind ähnlich, was allerdings wenig überraschen kann, da dies zu den zentralen Fragestellungen der Kunst des 20. Jahrhunderts gehörte. Das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten und so wird es schwer, Bezüge zu finden und die Werke zum Klingen zu bringen. Manchmal funktioniert das gut, wie etwa im Eingangsbereich, wo Giacomettis „L’Objet Invisible“ die Leere in Händen zu halten scheint und in Naumans „Lighted Center Piece“ vier Scheinwerfer eine leere Aluminiumplatte beleuchten. Plötzlich versteht man beide Werke ohne erklärenden Text.

Im zweiten Kapitel geht es dann um den Raum als Illusion und schon verliert die Ausstellung ihren Zauber, weil die Werke nebeneinander versauern ohne in einen Dialog zu treten. Es wird zwar durchaus deutlich, was Kuratorin Esther Schlicht zeigen möchte, doch die Wirkung verliert sich. Auch im nächsten Kapitel ist das ähnlich. Selbst dort, wo die Ausstellung den Einfluss des irischen Schriftstellers Samuel Beckett auf beide Künstler erkundet, scheinen die Arbeiten zusammenhanglos zu sein.

Erst im zweiten Saal wird wieder erfahrbar, warum die Kuratorin die beiden Künstler nebeneinanderstellt. Beide erforschen hier den Raum und seine Grenzen. Giacometti tut das mit seinen Plastiken, Nauman vor allem mit Videoperformances, Skulpturen und Fotografien. Und auch ästhetische Parallelen lassen sich durchaus finden, wie etwa im Kapitel „Fragment“, wo der Körper und seine Teile zum Schauplatz von Schmerz und Leid werden.

Damit eine solche Ausstellung funktioniert, müssen sich die Werke ergänzen, neue Deutungsmöglichkeiten eröffnen und eine andere Sichtweise ermöglichen. Das gelingt der Ausstellung trotz perfekter Inszenierung aber nur gelegentlich. Dass man den Besuch trotzdem empfehlen kann, liegt vor allem an den rund 150 Werken der beiden Künstler. Darunter sind auch 70 Werke von Giacometti, von denen nicht wenige als Hauptwerke des Schweizer Künstlers gelten können. Wie etwa „Le Nez“ von 1947, jener Kopf mit überlanger Nase, der in einem Gestell hängt oder „Homme qui marche“ von 1960. Auch wenn die Ausstellung nicht restlos überzeugen kann, ist sie damit einen Besuch wert. Ihr größtes Verdienst ist es, dass sie Giacometti als radikalen Künstler zeigt, der auch noch mit der nächsten Generation mithalten kann, ohne etwas von seiner Kraft und Aktualität einzubüßen.

Giacometti – Nauman, bis 22. Januar 2017, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

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