Zeitgenössische Kunst
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Üppige Kritzeleien

Das Museum St. Wendel präsentiert in der Ausstellung „Geläufiges Gelände. Kritzelbarock“ Arbeiten des gebürtigen Saarbrückers Volker Lehnert aus den letzten Jahren

Den Begriff „Kritzelei“ hören Künstler nicht gerne, denn meist wird damit abwertend über Kunst gesprochen. Auch Volkert Lehnert mag das Wort nicht so sehr. Trotzdem wählte er es als Titel seiner St. Wendeler Ausstellung. Schaut man sich die Arbeiten an, dann erinnern gerade die neueren Werke tatsächlich an Kritzeleien und die Zeichnungen scheinen auf den ersten Blick dem fieberhaften Suchen nach der „richtigen“ Linie geschuldet. Doch Lehnerts Zeichnungen sind keine zufälligen Gedankenspiele, sondern wohl kalkuliert und komponiert. Das krakelige Spiel mit der Linie ist hier kein handwerklicher Fehler, sondern führt zu einer Konzentration auf das Wesentliche. Mit diesem Kniff geht die Opulenz und Vielseitigkeit großstädtischer Architektur aber nicht verloren.

Lehnert zeichnet vor allem mit Bleistiften. Immer wieder klebt er kleine Zeichnungsschnipsel dazu oder auch eine Notiz aus dem Kalender. Manchmal sind es auch nur Schraffuren oder liniertes Papier. Farbigkeit erreicht er mit Buntstiften, aber auch mit Beize, die er verdünnt wie Lasuren über der Zeichnung verstreicht, manchmal aber auch als Zeichenmittel nutzt. Um die Rohheit heruntergekommener Stadtviertel zu illustrieren, greift er zur Sprühpistole und übermalt die Zeichnungen wie ein Graffitikünstler.

Die Ausstellung ist eine wunderbare Übersicht über Lehnerts zeichnerisches Werk. Der Stuttgarter Kunstprofessor betont, dass Zeichnung und Malerei bei ihm gleichberechtigt sind. Am Zeichnen reizt ihn vor allem die Schärfe, mit der er abbilden kann. Dabei sind Lehnerts Zeichnungen aus den 2000er Jahren seiner Malerei sehr ähnlich. In dieser Zeit hatte der Künstler oftmals comicartige Versatzstücke zu Geschichten zusammengebaut. In den letzten Jahren hat sich dieses narrative Element verschoben. Lehnert fabuliert nicht mehr so sehr vor sich hin. Seine neueren Werke sind aber auch Geschichten. Von dem, was er gesehen und von dem, was er erlebt hat.

Wenigstens ein Mal im Jahr begibt sich der in Saarbrücken geborene Künstler auf Reisen und arbeitet einige Wochen in einer fremden Stadt. Die erwandert er sich in stundenlangen Spaziergängen, bei denen er zeichnet. Dabei geht es aber nicht um bloße Illustration mit hohem Wiedererkennungswert, sondern um ein subjektives Festhalten von Architektur, urbanem Raum und den Menschen darin.

Die Bildtitel spielen für Lehnert keine große Rolle, auch wenn er diese akribisch wählt. Diese erklären meist auch nicht viel, verraten aber viel Humor und regen zum Betrachten an. Bei „Gehäuse für ein Pferdegeschirr“ spielen die Gedanken schnell Achterbahn, denn das Bild zeigt Versatzstücke der gotischen Kathedrale in Carpentras. Weder ein Gehäuse noch ein Pferd sind sichtbar. Die Geschichte dahinter erzählt Lehnert mit einem verschmitzten Lächeln. Er habe sich über die seltsamen Zeichen auf den Kanaldeckeln gewundert und bei Recherchen herausgefunden, dass es sich um eine Pferdetrense handelt. Sie ist Wahrzeichen der Stadt und in der Kathedrale befindet sich als Reliquie ein solches Mundstück eines Pferdezaumzeuges, das Konstantin I. gehört haben soll. Das „Gehäuse für das Pferdegeschirr“ ist also nichts anderes als ein euphemistischer Ausdruck für das gotische Gotteshaus. Und so spielt der Künstler ein um das andere Mal mit dem Betrachter und sorgt klug für Verwirrung, weil die Bilder so erst recht zum intensiven Schauen einladen.

Für ein wenig Verwirrung sorgt auch der zweite Teil des Ausstellungstitels. Tatsächlich findet sich in vielen Zeichnungen barocke Architektur und Lehnert gerät ins Schwärmen, wenn er über barocke Räume spricht, doch seine Arbeiten bieten weit mehr: Moscheen in Istanbul, Romanik und Gotik in Avignon und Moderne in Arles oder Lissabon. Manchmal sind die Arbeiten fast schon surrealistisch, dann wieder abstrakter und schon beim nächsten Bild wieder höchst realistisch. Langweilig wird es so nie und zwischen den Zeichnungen entsteht Spannung. Kritzelbarock spielt so wohl eher auf das üppige Gesamtwerk des Malers und Zeichners an und weniger auf das im Werk Gezeigte.

So bietet die Ausstellung einen schönen Überblick über das zeichnerische Schaffen von Lehnert. Anders als sonst bei Ausstellungen im Museum St. Wendel hat Lehnert die beiden verbundenen Ausstellungsäle getrennt. Das vermittelt den Eindruck von grafischen Kabinetten und einer intimen Atmosphäre, in der die Bilder tatsächlich besser wirken können. Als netter Nebeneffekt steht so mehr Wandfläche zur Verfügung um möglichst viele Werke auf leisten präsentieren zu können. Gut gemacht!

Geläufiges Gelände. Kritzelbarock, bis 5. Juni 2016, Museum St. Wendel, zur Ausstellung erscheint ein Katalog, Vernissage Sonntag, 17. April 2016

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