Alle Artikel in: Zeitgenössische Kunst

Werk von Carine Kraus, Foto. Saarländisches Künstlerhaus

Die Lust am Augenblick

Das Saarländische Künstlerhaus zeigt neue Arbeiten der Luxemburgerin Carine Kraus Noch immer sind zeitgenössische luxemburgische Künstler im Saarland kaum bekannt. Schon deshalb lohnt sich ein Besuch im Künstlerhaus, das derzeit einer der wichtigsten Protagonistinnen der Kunstszene des Nachbarlandes eine Einzelausstellung widmet. Bei ihrer letzten Ausstellung im Saarland malte Carine Kraus noch abstrakt und schwelgte mit Konstruktiv-konkreter Kunst in Farbe und Form. Lange ist das her. Seit einigen Jahren malt sie figurativ und hat einen ganz eigenen Malstil gefunden. Kraus malt realistisch, aber mit einer diffusen Weichheit, die den Bildern eine geheimnisvolle Aura verleiht. Die Sujets lösen sich in einem leichten Nebel auf, wirken oft gleichsam verwischt und suggerieren so Bewegung. Meisterhaft ist „Gianfranco 4“, das einen Tänzer in weißer Leinenkleidung zeigt, der mit ausgebreiteten Armen über eine Bühne wirbelt. Künstler stehen oft im Mittelpunkt der Gemälde. Meist sind es intime Momente, die auf den Bildern verewigt sind. Flüchtige Augenblicke, die wie eingefroren scheinen. Grundlage für die Gemälde sind Fotografien, doch von fotografischem Realismus sind sie weit entfernt. Gesichter sind nie erkennbar. Entweder sind sie nur …

Jenseits aller Limitierungen

Die Galerie Zimmerling & Jungfleisch zeigt Arbeiten ihrer Künstler, die am ArtWalk beteiligt sind. Der ArtWalk ist fertig. Das war wohl die wichtigste Botschaft der Vernissage am vergangenen Samstag in der Saarbrücker Galerie Zimmerling & Jungfleisch. Grundidee des Projekts ist die Gestaltung von zwölf Hauswänden durch fünfzehn renommierte Urban-Art-Künstler in der Innenstadt Saarbrückens. Ab Herbst sollen diese dann zu einem Kunstspaziergang vernetzt werden. Nachdem die Galerie Neuheisel bereits vor einigen Wochen ihre beteiligten Künstler vorgestellt hat, ist nun die Galerie im Quartier am Eurobahnhof an der Reihe. Auch wenn die Gruppenschau dieses Mal nicht so richtig harmonisch wirkt, ist die Ausstellung empfehlenswert. Es besteht nämlich die seltene Möglichkeit, bei einem Spaziergang durch die Stadt die Werke von Street-Art- und Graffiti-Künstlern im urbanen Raum zu sehen und dann in der Galerie ihre Wandlung zu Leinwand-Akteuren zu verfolgen, die sich von den Limitierungen ihrer ursprünglichen Kunst befreit haben. Da ist Alexey Luka, der neben der Skizze zu seinem Werk an der Garage auch eine Assemblage zeigt, die seine Arbeit in die dritte Dimension wachsen lässt. Oder LX.One, …

Gemalt, gestapelt und erfahrbar gemacht

Russell Maltz und François Martig sind in der Stadtgalerie Saarbrücken zu Gast Ein Umbau in der Stadtgalerie? Im Innenhof stapelt sich Baumaterial. Etwas merkwürdig nur, dass einige der Rohre, Latten und Steine neongelb leuchten. Und drinnen geht es weiter. In einem der hinteren Räume ein ähnliches Bild, nur dass es hier ein grelles Pink ist. Ist das Kunst oder kann das weg? Beides sind Werke des US-Amerikaners Russell Maltz und tatsächlich können die nach Ausstellungsende weg. Der Abbau und die anschließende Verwertung als Baumaterial ist Teil des Konzeptes und ein wichtiger dazu. Maltz sieht sich als Maler und seine Arbeiten als temporäre künstlerische Interventionen im (öffentlichen) Raum. Die sehenswerte Ausstellung „Russell Maltz: Painted – Stacked – Suspended“ ist fast schon eine kleine Retrospektive, weil sie aktuelle Arbeiten zeigt, aber den Besucher auch mitnimmt zu den Anfängen und so deutlich macht, dass der Maler seine Wurzeln in der Konkreten Kunst hat. Das beweisen Arbeiten aus den 1980er-Jahren, in denen sich Maltz vor allem von Farbe und Material leiten ließ und viel mit Stapelungen und Schichtungen arbeitete. …

Fiebrige Linien und verschlucktes Blau

Die Saarbrücker galerieampavillon in der Mainzer Straße zeigt eine retrospektive Ausstellung zu Hermann Theophil Juncker Die Kunstgeschichte der Nachkriegszeit wurde im Saarland vor allem von der „neue gruppe saar“ bestimmt. Für die Künstler abseits der Konkreten Kunst blieb in der Öffentlichkeit nur wenig Platz und so sind ihre Namen bis heute oft nur Kennern der regionalen Kunstszene ein Begriff. Dazu zählt auch Hermann Theophil Juncker. Juncker wurde 1929 in Ludwigshafen geboren und kam 1931 in das Saarland, als der Vater eine Stelle als Religionslehrer in Homburg antrat. Vater Franz, selbst Maler, prägte den Filius und förderte ihn früh. Von 1950 bis 1954 studierte Juncker an der Kunstakademie Karlsruhe bei Otto Laible und Erich Heckel. In den 1950er Jahren malte er noch stark gegenständlich und im Stil der Expressionisten, versank dann kurz im Kubismus und fand schließlich seinen eigenen Stil. Die Linie wurde zum bestimmenden Element seiner Arbeit. Die Form vollendet sich bei Juncker aus dem Strich, der ohne zur Schraffur zu werden auf dem Blatt kumuliert. Trotz der Gegenständlichkeit der Bilder bleiben diese nahe an …

SAARART 11 gestartet

Am 28. April 2017 startet die 11. Landeskunstausstellung im Saarland. Ein erster Überblick. Die ehemalige Lehrwerkstatt des Eisenbahnausbesserungswerks im Saarbrücker Stadtteil Burbach ist ein schöner Ziegelsteinbau mit hohen Fenstern. Das Gebäude thront an einem Hang über dem Ausbesserungswerk,von dem nur die denkmalgeschützten Gebäude geblieben sind. Die riesige Gleisharfe musste Platz machen für Gewerbeansiedlungen, die allerdings auf sich warten lassen. Auch die riesige Werkstatthalle steht noch leer und wartet auf eine Wiederverwendung. Weil die Moderne Galerie des Saarlandmuseums gerade geschlossen ist und sich für die große Wiedereröffnung im Herbst aufhübscht, musste Kuratorin Cornelieke Lagerwaard sich nach einem Ersatz für die 11. Landeskunstausstellung umsehen. Sie besuchte mit ihrem Team auch die Lehrwerkstatt und war sofort begeistert. Die große Halle bietet genügend Raum und nahezu ideale Lichtverhältnisse in einem industriegeschichtlichen Ambiente. Einziger Wermutstropfen: Von den rund 430.000 Euro Gesamtbudget verschlang die Halle rund 130.000 Euro. Alleine die extra angefertigten Stellwände kosteten 80.000 Euro. Die sind zwar nicht verloren, weil sie zukünftig von den Kunstinstitutionen des Landes genutzt werden können, fraßen aber ein gehöriges Loch in den Etat. Neben …

Auf der Suche nach dem Ich

Die Saarbrücker Galerie Neuheisel zeigt Werke von Urban-Art-Künstler Cone The Weird Sein Markenzeichen sind die überlangen Extremitäten. Mit tentakelhaften Fingern und großen Schuhen schlängeln sich Arme und Beine um die sitzende, stehende oder liegende Person. Im Mittelpunkt steht meist der Künstler selbst. Cone The Weird, der eigentlich Colin Kaesekamp heißt, macht sonderbare Bilder – wie schon der Beiname „The Weird“ verheißt. Der stammt vom gleichnamigen Künstlerkollektiv, indem Cone Mitglied ist. Ihr gemeinsames Markenzeichen sind skurrile Figuren, die an Underground-Comics und Graphic Novels erinnern. Die Galerie Neuheisel zeigt derzeit in der Ausstellung „Come closer and leave me alone“ neue Arbeiten des gebürtigen Münchners. Längst sind Wände und Sprühdosen nicht mehr sein bevorzugtes Metier. Auch wenn die Anlehnung an Graffiti und Street-Art wahrnehmbar ist und den unverkennbaren Stil aus feinen Strichzeichnungen ergänzt, sind die meisten seiner Werke schwarzweiße Tuschezeichnungen auf Papier. In den neuen Arbeiten rückt die Person kompositorisch in den Vordergrund. Die überbordenden Wimmelbilder der letzten Jahre sind selten geworden. Neben der Hauptfigur sind meist nur zwei oder drei Dinge im Bild. Trotzdem ist die ganz …

Walter Bernstein, Hohlstraße Neunkirchen, Gemeinde Schiffweiler

Sichtwechsel beim Schichtwechsel

Die Ausstellung „Schichtwechsel“ im Schloss Dagstuhl begeistert mit kluger Zusammenstellung Dass es so gut werden würde, überrascht dann doch. Als das Leibniz-Zentrum für Informatik, die Hochschule der bildenden Künste Saar und Saartoto im vergangenen Jahr ihre Zusammenarbeit bekanntgaben, konnte man höchstens erahnen, welche Qualität die Ausstellungen haben könnten. Das Leibniz-Zentrum wollte seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, das Lotto-Unternehmen seine umfangreichen Kunstbestände und die HBK Saar ihr Wissen um die Präsentation von Kunst und die Arbeiten junger Künstler. Gerade wurde mit „Schichtwechsel“ die zweite Ausstellung eröffnet und schon jetzt darf man die Menage à Trois als gelungen bezeichnen. Das liegt durchaus auch am Ort der Präsentation, den die Kuratorin Nadine Brettar perfekt zu nutzen weiß. Der Wandelgang mit Glasfront zum Innenhof eignet sich wunderbar für die Kunst. Zumal man mit dem Seminarzentrum einen Ort hat, an dem sich täglich Menschen aus aller Welt begegnen und damit saarländische Kunst einem Publikum weit über die Landesgrenzen hinaus präsentiert werden kann. Der Erfolg liegt natürlich auch an den hervorragenden Exponaten aus den Beständen von Saartoto. Ausgangspunkt sind dieses Mal …

Glueckspilze - Komposition mit Fliegenpilz - 2012© François Besch

Der Knipser im Fotografen

Für seine Smartphone-Fotos erhielt der Luxemburger François Besch am vergangenen Sonntag den 8. Monika-von-Boch-Fotopreis Kann man mit einem iPhone künstlerisch wertvolle Fotos schießen? Das dürfte wohl die spannendste Frage sein, wenn man sich die aktuelle Ausstellung „François Besch, Hipstamatics“ im Museum Schloss Fellenberg in Merzig anschaut, die am Wochenende mit der Verleihung des 8. Monika-von-Boch-Preises an den Luxemburger Künstler startete. Besch gilt als so etwas wie ein Pionier in der Smartphone-Fotografie. Mit dem Erscheinen des iPhone 4 von Apple im Jahr 2010 war die Auflösung der Kamerasensoren in den Handys endlich hoch genug, um an künstlerische Fotografie denken zu können. Sofort begann der Fotograf mit dem Handy zu arbeiten. Mit dem Smartphone sind die künstlerischen Möglichkeiten begrenzt. Ein Spiel mit Tiefenschärfe und Licht ist nicht möglich. So ist vor allem die Motivwahl entscheidend. Der 1963 geborene Besch begann mit Schnappschüssen des Stadtlebens in Schwarzweiß. Die Reihe „Street Phoneography“ zeigt alltägliche Szenen aus dem urbanen Raum. Oftmals sind die Bilder geprägt von subtilem Witz, wie etwas in „Cultures“, in dem sich eine junge Muslima mit Kopftuch …

© Anja Niedringhaus / Associated Press, Privatbesitz, Courtesy Stiftung Situation Kunst, Bochum

Der andere Blick auf den Krieg

Die Stiftung Demokratie Saarland zeigt mehr als 50 Fotos der verstorbenen Kriegsfotografin Anja Niedringhaus Als sich die Nachricht des Todes von Anja Niedringhaus am 4. April 2014 über die Newsticker verbreitete, war die Bestürzung groß. Vier schwere Verletzungen hatte die 48-jährige Kriegsfotografin in den letzten 20 Jahren erlitten und immer wieder war sie nach ihrer Genesung in die Kriegsregionen dieser Welt gezogen. Niedringhaus arbeitete für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Irak, in Libyen, im Gazastreifen und in Afghanistan und war eine der wenigen Frauen in diesem Beruf. Sie reagierte ungehalten, wenn man sie darauf ansprach und doch fragt man sich beim Betrachten der Bilder in der noch von ihr konzipierten Ausstellung „At War“ – im Krieg –, ob ein Mann ähnlich vorgegangen wäre. Niedringhaus war mit großer Sensibilität unterwegs. Bilder von Toten vermied sie, von Verletzen machte sie meist nur Detailaufnahmen oder bat später um Erlaubnis für die Veröffentlichung. Sensationslust war nicht ihr Antrieb. Das Grauen des Krieges ist bei ihr in den Gesichtern der Menschen lesbar. In ihren Arbeiten finden sich viele Alltagsszenen, …

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Pionier der Performance-Kunst

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle widmet dem Fotografen und Performance-Künstler Ulay eine spannende Retrospektive Es war einer der ganz wenigen Momente im Künstlerdasein von Marina Abramović, in dem sie ihre Selbstbeherrschung verlor. Die Performance „The Artist is present“ hatte am Abend der Eröffnung ihrer Retrospektive im New Yorker MoMA begonnen. Abramović wollte 90 Tage lag, 7 Stunden pro Tag ohne Unterbrechung stoisch auf einem Stuhl sitzen. Ihr gegenüber durfte Platz nehmen, wer Lust dazu hatte. Stundenlang starrte Abramović an diesem Abend wechselnden Personen aus dem Publikum in die Augen und wirkte dabei wie ein Monolith in der Menschenmenge. Bis zu dem Moment, als sich ein älterer Herr mit langem Haar und Bärtchen setzte. Abramovic schaute aus ihrer Konzentrationsphase auf und erkannte den Mann sofort. Es huschte ein Anflug von Freude und Überraschung über ihr Gesicht, sie rang kurz um Fassung und brach dann in Tränen aus. Als sie sich wieder gefangen hatte, reichten sie einander die Hände. Es war eines der wenigen Wiedersehen mit Frank Uwe Laysiepen seit der Trennung der beiden vor mehr als 20 …