Alle Artikel in: Kunst im 19. Jahrhundert

Rauchende Grillen für alle

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main erzählt die Geschichte des Farbholzschnittes im Wien der Jahrhundertwende Mit dem Ende der akademischen Malerei im 19. Jahrhundert waren die Künstler frei von formalen Zwängen. Ihr Wunsch, eigene Wege zu gehen, und die Zukunftseuphorie der Jahrhundertwende gebar eine Lust zu wilden Experimenten. Kunst sollte nicht mehr länger Staffage für die Reichen und Schönen sein. Ziel der Künstler war es nun, Kunst in die Gesellschaft zu tragen. Dafür brauchte es eine Kunst für alle. So erlebte die Grafik als günstige Alternative zum teuren Ölgemälde einen Aufschwung. Die Japanbegeisterung des Fin de Siècle brachte den fast vergessenen Farbholzschnitt zurück nach Europa. Die jungen Talente der Wiener Kunstgewerbeschule waren begeistert von den Möglichkeiten. Die Experimente mit der wiederentdeckten Technik führten zu einer Aufbruchsstimmung und zu einer neuen Vielfalt in der Kunst, die bis heute nachwirkt. Trotzdem wurde dieses Kapitel bis heute kaum beleuchtet, weil die Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne vor allem von Klimt, Schiele und Kokoschka bestimmt wird und sich die drei kaum für Druckgrafik interessierten. Ausgangspunkt für die Entwicklung …

Ein Bruch mit den Konventionen

Das Frankfurter Städel feiert seinen 200. Geburtstag mit einer aufregenden Ausstellung zum Impressionismus Schon wieder eine Impressionisten-Ausstellung? Wurde da nicht langsam alles gezeigt, nicht schon jeder Aspekt eingehend beleuchtet? Eigentlich schon und mit dieser Antwort könnte man sich einen Ausstellungsbesuch sparen, wäre da nicht die opulente Bildwelt, die viele Menschen bis heute begeistert. Und tatsächlich schafft es das Städelmuseum mit der Ausstellung zum 200. Geburtstag, die Geschichte der Entstehung des Impressionismus noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Claude Monet: Das Mittagessen, 1868 Öl auf Leinwand, 231,5 x 151 cm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: © Städel Museum, Frankfurt am Main Im Mittelpunkt stehen zwei Bilder gleichen Namens. Claude Monets „Das Mittagessen“ aus dem Jahr 1868 ist auf den ersten Blick ein bürgerliches Idyll, das kaum als impressionistisches Werk erkennbar ist und doch markiert es einen Ausgangspunkt der revolutionären Kunstbewegung. Monet malte seine Familie beim sonntäglichen Mittagsmahl. Dabei wählte er für die private Szene ein Großformat, das man bis zu diesem Zeitpunkt nur Königen zugestanden hatte. Die Provokation jedoch ist das Motiv, denn …

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten. Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum …

Der vergessene Lieblingsmaler der Deutschen

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der „Hühnermaler“, Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als „Lieblingsmaler der Deutschen“ und für die Nationalsozialisten war er der letzte „große urdeutsche Maler“. Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht mehr wehren, denn er war schon 1924 gestorben, lange bevor Adolf Hitler Gefallen an dem Maler fand und seine Bilder für das Führermuseum zusammenkaufte. Ausstellungsansicht „Hans Thoma. ‚Lieblingsmaler des deutschen Volkes’“ Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013 Foto: Norbert Miguletz Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Ruf des Malers. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas „arische“ Abstammung feierte. Damit war der Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten gefestigt. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte. Das Städel versucht sich …

Schaurig-schöner Grusel der Romantik

Der Grusel in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Frankfurter Städel ist perfekt: Wahnhafte Blicke, apokalyptische Szenerien, Hexen, Geister und Gnome, Mord und Totschlag, Tod und Verderben. Wer Horror mag, kommt in dieser Ausstellung auf seine Kosten. Wenn man in Deutschland an die Romantik denkt, wird man allerdings eher die sehnsuchtsvollen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs vor Augen haben. Dabei gilt ein ganz anderer als Vater dieser Bewegung. Francisco de Goya zeigte uns Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr idealisierte Porträts der besseren Gesellschaft oder Szenen aus der Bibel, sondern führte uns Schrecken und Irrationalität des Krieges vor Augen. Aber ist das romantisch? Wenn es nach Ausstellungskurator Felix Krämer geht, dann durchaus. Historischer Auslöser der Romantik sei die Enttäuschung vieler Künstler gewesen, dass die Französische Revolution in blutigen Terror umgeschlagen sei. Die Romantik sei aber auch als Gegenbewegung zur Aufklärung entstanden, die vielen fruchtbar rational erschien. Es herrschten Zweifel an der Religion, die nicht mehr als Erklärung für den Tod ausreichte, ebenso aber Enttäuschung über die Aufklärung, die nicht alles erklären konnte. Die Sehnsucht des Menschen nach …

Fotografierte Kulturgeschichte

August Sander (1890-1964) teilt das Schicksal vieler großer Fotografen des 20. Jahrhunderts: Er ist nur wenigen Kennern ein Begriff, dabei war er einer der wichtigsten Protagonisten der Neuen Sachlichkeit und prägte die Fotografie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts maßgeblich. Die Künstler der Neuen Sachlichkeit wollten ihre Umgebung möglichst objektiv beobachten und dokumentieren, die Einfachheit und Schönheit der Welt nüchtern darstellen. Sander war ein Meister der Porträtfotografie dieser Stilrichtung. Berühmt wurde er mit seinem Buch „Menschen des 20. Jahrhunderts“, in dem er mehrere Hundert Porträts von Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen zeigte. Damit schuf er ein umfassendes Gesellschaftsbild seiner Zeit. In einer Rezension zu Sanders 1929 erschienenen Bildbandes „Antlitz der Zeit“ lobte Kurt Tucholsky die Arbeiten als „fotografierte Kulturgeschichte“. Sander wurde 1876 im rheinlandpfälzischen Herdorf geboren. Als Haldenjunge der örtlichen Eisengrube machte der 14-Jährige die Bekanntschaft eines Berufsfotografen und war so fasziniert von dessen Arbeit, dass er wenige Jahre später in Trier eine Ausbildung zum Fotografen absolvierte. Er besuchte als Gasthörer Kunstakademien und gründete schließlich 1911 ein Atelier in Köln. Anfang der 1920er Jahre …

Goya in Zwickau

Der spanische Künstler Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) gilt bis heute als Wegbereiter der modernen Kunst in Europa, war Vorbild für Künstler wie Picasso und hat das Zeitalter der Aufklärung entscheidend mitgeprägt. In dem sozial, religiös und kulturell zerrissenen Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts wagte der königliche Hofmaler Goya eine Gratwanderung zwischen klassischer Auftragskunst für den spanischen Adel und das Bürgertum sowie Sozial- und Gesellschaftskritik, die er oftmals in karikaturhaften Bildern „versteckte“. Seine kritischen Arbeiten finden sich vor allem in vier Serien von Aquatintaradierungen wieder, die in einer Sonderausstellung der Kunstsammlungen Zwickau vollständig gezeigt werden. CAPRICHOS, Blatt 10, El Amor y la muerte, Die Liebe und der Tod 21,5 x 15 cm, Radierung, Aquatinta poliert, Grabstichel, Harris 45/III Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft Freiburg i.Br. „Los Caprichos“ („Einfälle“), der aus 80 Blättern bestehende Zyklus, entstand in den Jahren 1797-1799 und zeichnet das Bild einer dekadenten, sich am Abgrund befindenden Gesellschaft nach. „Los Desastres de la Guerra“ („Die Schrecken des Krieges“), 80-teilig, thematisieren die menschlichen Grausamkeiten und die verheerende Hungersnot während der napoleonischen Herrschaft …

Ein Star in Wien

Es gibt Namen in der Kunst, die kennt wirklich jeder und bei den meisten Menschen sorgen sie für ehrfurchtsvolles Raunen und ein freudiges Glitzern in den Augen. Ausstellungen solcher Künstler wie Picasso, Van Gogh, Matisse oder Rembrandt sind Garant für hohe Besucherzahlen. Die braucht die Wiener Albertina mit ihrer Ausstellung „Van Gogh. Gezeichnete Bilder“ auch, um die immensen Kosten wieder einzuspielen. Alleine die Versicherungssumme beträgt drei Milliarden Euro, die Prämien dürften entsprechend hoch ausfallen. Jeden Tag müssen deshalb rund 4000 Besucher die Ausstellung sehen, damit sich das Unterfangen lohnt. Ich bin kein Freund solcher gigantomanischen Ausstellungen, als zu oft bleibt die Erkenntnis auf der Strecke, der reine visuelle Reiz zählt, man schiebt sich mit den Besuchermassen durch die Räume und ein ruhiges Verweilen vor den Bildern ist unmöglich, weil ständig jemand den Blick versperrt. Es lebe die Presse-Vorbesichtigung. Vicent van Gogh, Straße in Saint-Rémy, 1889© Kasama Nichido Museum of Art, Japan Auch ich kann bei dem Namen „Van Gogh“ nicht ganz objektiv bleiben, auch ich bekomme weiche Knie, wenn ich durch solch eine Ausstellung gehe …

Bernard Buffet neu entdeckt

Kaum ein Künstler hat einen derart steilen Aufstieg und Fall erlebt wie Bernard Buffet. Einst galt er als legitimer Nachfolger von Picasso. Seine Werke erreichten ein ähnliches Preisniveau wie die von Picasso, er wurde gelobt und hofiert, Sammler und Museen rissen sich um seine Werke. Heute liegen die Werke in Depots und die Preise sind im freien Fall. Buffet ist out. Das versucht das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu ändern. Buffet wurde 1928 in Paris geboren. Im Alter von nur 15 Jahren wurde er an der École des Beaux-Arts in Paris aufgenommen. Die Freunde Maurice Utrillo und Georges Rouault stellten ihn Ende der 40er Jahre dem Kunsthändler Maurice Girandin vor. Der war von Buffet begeistert und unterstützte ihn. Der Maler wurde Mitglied des Pariser Herbstsalon und der „L‘ homme témoin“, einer Künstlergruppe, die sich gegen die abstrakte Kunst wandte. Als er als Zwanzigjähriger 1948 den „Prix de la Critique“ erhielt, war er in aller Munde.

Wie das Licht auf die Leinwand kam

Neben der schon besprochenen Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle hat sich auch das Wallraf-Richartz-Museum in Köln dem Thema Impressionismus angenommen. Seit 2002 erforscht ein Team von Restauratoren, Naturwissenschaftlern und Kunsthistorikern unter dem Titel „Maltechnik des Impressionismus und Postimpressionismus“ 75 Gemälde aus dem Bestand des Wallraf-Richartz-Museums und der Fondation Corboud. Zur Ausstellung hat man 55 zusätzliche Werke in das Museum geholt. Unterhalb der sichtbaren Oberfläche befinden sich in jedem Gemälde zahlreiche Informationen. Nur aufwändige, technologische Untersuchungen legen sie frei. Mit Hilfe modernster Techniken (Stereomikroskopie, naturwissen-schaftliche Materialanalyse sowie Röntgen-, Ultraviolett und Infrarotstrahlung) und detektivischem Spürsinn werden die kostbaren Werke untersucht. Das Forscherteam analysiert die unterschiedlichen Entstehungsprozesse, prüft die natürlichen Alterungserscheinungen oder fahndet nach gezielten Manipulationen. Damit eröffnet sich ein neuer Blick auf die Geschichte und Rezeption jedes einzelnen Bildes. Die Restaurierungsabteilung im Wallraf ist die Zentrale dieses Forschungsprojektes und für die Ausstellung verantwortlich.