Alle Artikel in: Kunst im 20. Jahrhundert

Radier’ oder krepier’

Das KuBa in Saarbrücken zeigt in einer außerordentlichen Ausstellung Werke von Otto Lackenmacher Obwohl Otto Lackenmacher zur goldenen Nachkriegsgeneration der saarländischen Kunst gehört, ist sein Werk nur eingefleischten Kennern und Sammlern ein Begriff. Vielleicht weil er nicht zu der der Abstraktion zugewandten „neuen gruppe saar“ um Boris Kleint gehörte, sondern sich ganz der Figur verschrieben hatte und sich damit gängigen Strömungen der Nachkriegskunst widersetzte. Lackenmacher hatte bei Frans Masereel studiert und blieb dem Lehrer stilistisch lange treu. Deutlich wird das insbesondere bei den Linolschnitten der 1940er- und 1950er-Jahre, die sich mit ihrer Flächigkeit und den dicken Umrisslinien stark an Masereel orientieren. Schon früh zeigte der Künstler dabei eine erstaunliche Reife. Die Ausgegrenzten waren bestimmendes Bildthema. Einsamkeit, Schmerz und Leid sind allgegenwärtig, wie auch bei seinem Vorbild Goya. Kurator Andreas Bayer zeigt mit der Kreuzigungsszene „Golgatha“ von 1947 und einer Straßenszene von 1949 zwei außergewöhnliche Werke aus dieser Zeit. Die Ausstellung versammelt auch einige Gemälde aus dem Frühwerk. Alle sind Porträts von Frauen. Mit kurzem und breiten Pinselstrich sind sie in expressionistischer Farbgebung auf die Leinwand …

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Pionier der Performance-Kunst

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle widmet dem Fotografen und Performance-Künstler Ulay eine spannende Retrospektive Es war einer der ganz wenigen Momente im Künstlerdasein von Marina Abramović, in dem sie ihre Selbstbeherrschung verlor. Die Performance „The Artist is present“ hatte am Abend der Eröffnung ihrer Retrospektive im New Yorker MoMA begonnen. Abramović wollte 90 Tage lag, 7 Stunden pro Tag ohne Unterbrechung stoisch auf einem Stuhl sitzen. Ihr gegenüber durfte Platz nehmen, wer Lust dazu hatte. Stundenlang starrte Abramović an diesem Abend wechselnden Personen aus dem Publikum in die Augen und wirkte dabei wie ein Monolith in der Menschenmenge. Bis zu dem Moment, als sich ein älterer Herr mit langem Haar und Bärtchen setzte. Abramovic schaute aus ihrer Konzentrationsphase auf und erkannte den Mann sofort. Es huschte ein Anflug von Freude und Überraschung über ihr Gesicht, sie rang kurz um Fassung und brach dann in Tränen aus. Als sie sich wieder gefangen hatte, reichten sie einander die Hände. Es war eines der wenigen Wiedersehen mit Frank Uwe Laysiepen seit der Trennung der beiden vor mehr als 20 …

Alberto Giacometti, La Main, 1947, Privatsammlung Alberto Giacometti Estate, Fondation Alberto et Annette Giacometti und ADAGP Paris, 2016

Zusammenprall der Generationen

Die Schirn Kunsthalle lässt Alberto Giacometti und Bruce Nauman aufeinandertreffen. Doch das Experiment kann nicht restlos überzeugen. Bedeutende Künstler in einer Doppelausstellung zu zeigen, avanciert zu einer neuen Mode in den Kunstmuseen. Kein Wunder, braucht doch der hochtourige Ausstellungsbetrieb immer neue Blockbuster mit großen Namen und außergewöhnlichen Konzepten. Nicht immer funktioniert das aber perfekt, wie die Ausstellung in der Frankfurter Schirn beweist. Alberto Giacometti (1901–1966) zählt zu den bedeutendsten europäischen Bildhauern der klassischen Moderne. Zweifellos ist er mit seinen dürren Bronzefiguren einer der Wegbereiter zentraler Entwicklungen der Kunst nach 1960. Bruce Nauman, Jahrgang 1941, steht mit seinem vielgestaltigen Werk für die radikalen Umwälzungen der Gegenwartskunst seit 1960 und für einen konzeptuell entgrenzten Begriff von Skulptur und Plastik. Auch wenn die bildhauerische Arbeit für Giacometti und Nauman eine vorrangige Rolle spielt, sind sie weder hinsichtlich der von ihnen verwendeten Medien und Materialien noch im Sinne eines gemeinsamen Stils miteinander vergleichbar. Gemeinsam ist ihnen nur der Hang zur Reduktion. Aber auch ihre Fragestellungen etwa in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Körper und Raum sind ähnlich, was …

Rauchende Grillen für alle

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main erzählt die Geschichte des Farbholzschnittes im Wien der Jahrhundertwende Mit dem Ende der akademischen Malerei im 19. Jahrhundert waren die Künstler frei von formalen Zwängen. Ihr Wunsch, eigene Wege zu gehen, und die Zukunftseuphorie der Jahrhundertwende gebar eine Lust zu wilden Experimenten. Kunst sollte nicht mehr länger Staffage für die Reichen und Schönen sein. Ziel der Künstler war es nun, Kunst in die Gesellschaft zu tragen. Dafür brauchte es eine Kunst für alle. So erlebte die Grafik als günstige Alternative zum teuren Ölgemälde einen Aufschwung. Die Japanbegeisterung des Fin de Siècle brachte den fast vergessenen Farbholzschnitt zurück nach Europa. Die jungen Talente der Wiener Kunstgewerbeschule waren begeistert von den Möglichkeiten. Die Experimente mit der wiederentdeckten Technik führten zu einer Aufbruchsstimmung und zu einer neuen Vielfalt in der Kunst, die bis heute nachwirkt. Trotzdem wurde dieses Kapitel bis heute kaum beleuchtet, weil die Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne vor allem von Klimt, Schiele und Kokoschka bestimmt wird und sich die drei kaum für Druckgrafik interessierten. Ausgangspunkt für die Entwicklung …

Verstörende Helden

Museumdirektor Max Hollein verabschiedet sich aus dem Städelmuseum mit einer bemerkenswerten Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz In einem wahren Furor malte Georg Baselitz seine Werkgruppe der „Heldenbilder“ 1965/66. In nur einem Jahr schuf der damals 27-Jährige mehr als 70 Gemälde und Zeichnungen. Es war wohl aufgestaute Wut und Aggression in dem jungen Maler, die sich explosionsartig entlud. Das zeigt nicht nur der gewaltige Schaffensakt, sondern auch die Bilder. Expressiv, mit wilder Farbwahl und heftigem Pinselstrich malte Baselitz monumentale Figuren im Nirgendwo. Es sind Soldaten in zerschlissenen Uniformen oder gemarterte Maler mit Stigmata – von unseren Heldenvorstellungen sind sie weit entfernt. Ihren künstlerischen Reiz gewinnen die expressiven Werke aus dem Spannungsverhältnis von Figuration, fast schon gestischem Farbauftrag und autonomer Farbigkeit. Aus innerer Notwendigkeit habe er die Bilder gemalt, so Baselitz. Die Gemälde scheinen eine Abrechnung mit der Gesellschaft zu sein, die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch immer nicht wirklich begonnen hatte und in Justiz, Verwaltung und Politik immer noch auf die alten Köpfe setzte. Ausgerechnet den …

Auf der Suche nach der Wand

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Werke von Joan Miró Der Name Joan Miró garantiert hohe Besucherzahlen und so vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwo in Europa mindestens eine Blockbuster-Schau mit Arbeiten des spanischen Künstlers gezeigt wird. Bei so viel Präsenz ist es schwer, dem Spanier neue Seiten abzugewinnen. Die Schirn Kunsthalle versucht es mit einer Ausstellung, die beweisen soll, dass Miró begeistert war von Wänden und sie breiten Raum in seinem Werk einnehmen. Um es gleich vorwegzunehmen: So ganz gelungen ist das nicht. Dass es sich trotzdem lohnt die Ausstellung anzuschauen, liegt vor allem an der hervorragenden Auswahl an Gemälden und deren Präsentation. Die Kuratoren haben die Ausstellung von jeder chronologischen Hängung befreit und gruppieren sie nach Material, Bildgrund und Motiven. Das ist gar nicht schlecht, weil es einen neuen Blick auf den Spanier ermöglicht. Am Eingang trifft man auf eines der wenigen gegenständlichen Werke Mirós und hat damit einen ersten Höhepunkt vor sich. Das Frühwerk „Der Bauernhof“ aus den Jahren 1921/22 zeigt den elterlichen Hof im katalanischen Mont-Roig in surrealistischem Stil. …

Anti-Malerei aus Licht

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden widmet dem Lichtkünstler Heinz Mack eine Retrospektive Die Düsseldorfer Künstler Otto Piene und Heinz Mack waren von der Nachkriegskunst enttäuscht. Zu sehr mit psychologischem Ballast aufgeladen schien ihnen die herrschende Malerei des Tachismus und Informel, die das Ich des Künstlers so sehr in den Mittelpunkt rückte. Mack und Piene wollten eine Stunde Null und einen Neuanfang in der Nachkriegskunst. Die beiden gründeten 1958 die Künstlergruppe ZERO, der sich bald auch Guenther Uecker anschloss. Im Museum Frieder Burda erhält Mack nun eine Einzelausstellung, die das Werk des Licht- und Kinetik-Künstlers in den Fokus rückt. Dabei hatte Mack eigentlich schon als Maler begonnen, von den gestischen Abstraktionen der 1950er-Jahre abzurücken. Seine frühen Bilder nannte er „Dynamische Strukturen“ und ließ mittels Schwarz und Weiß horizontale und vertikale Geraden entstehen. Später folgten Reliefs aus Metallfolien, Plexiglas, Keramik und Aluminium. Um 1960 entstanden die „Rotoren“. Einzelne Elemente mit Reliefstrukturen werden mittels Motoren bewegt und verändern so stets visuelle Struktur und Motiv. Neben der Bewegung wurde Licht zum zentralen Element in Macks Werk. In seinen …

Qualität oder Quantität?

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917“, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten. Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut. Die neue Dauerausstellung zeigt vor …

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten. Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum …

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit. Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso …